Arktis. Immer mehr Eisberge treiben durch die Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen. Was zunächst ein subjektiver Eindruck war, konnten Forscher des deutschen Alfred-Wegener-Instituts (AWI) nun belegen. Diese vielen Eisberge erhöhen die Gefahren für die Schifffahrt. Das Geröll, das sie von Land mitbringen, verändert wiederum das Leben auf dem Meeresboden. Dazu ist nun ein Artikel in Nature erschienen.

Eisberg, beobachtet von der Polarstern aus am 6.8.2022 nahe 78.43°N und 18.44°W Foto Christian R. Rohleder/ AWI
Jeder kennt die Geschichte der Titanic, die 1912 von Neufundland auf einen Eisberg fuhr und sank. Dieser Eisberg stammte aus Grönland. Nun gibt es heute zwar bessere Warnsysteme und (hoffentlich) bessere Schiffe, doch grundsätzlich stellen Eisberge weiterhin ein Problem für die meisten Schiffe dar.
Ausgangspunkt für die nun veröffentlichte Studie des Teams um die Hauptautoren Thomas Krumpen (AWI) und Kirstin S. Meyer-Kaiser (Woods Hole Oceanographic Institution, USA) waren zwei Beobachtungen:
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Untersuchung eines Eisbergs mit Gesteinsablagerungen auf der Oberfläche in der Framstraße im Juni 2021. Foto Mario Hoppmann/ AWI
Im Tiefsee-Langzeitobservatorium „Hausgarten“ des AWI wurden immer mehr neue Steine verschiedener Größe dokumentiert – weit weg von jeder Gletscherfront. Diese werden dann von Lebewesen der Tiefsee besiedelt.
- Vom Forschungsschiff Polarstern aus beobachteten die Wissenschaftler in der Framstraße und darüber hinaus treibende Eisberge, die sichtlich Geröll mit sich trugen. Dieses sinkt auf den Meeresboden, wenn der Eisberg geschmolzen ist.
Tatsächlich konnte ein Team auf einem Eisberg in der Nähe des Hausgarten-Observatoriums Geröllproben nehmen und sie mit dem vergleichen, was schon unten angekommen ist. Es zeigte sich eine Übereinstimmung in der Größe und in der mineralischen Zusammensetzung.

Durch das Schmelzen gekalbter Eisberge wird transportiertes Gesteinsmaterial freigesetzt und sinkt auf den Meeresboden. Dort bildet der gröbere Teil (sogenannte Dropstones) einen harten Untergrund für die Besiedlung durch benthische Fauna. Grafik Martin Künsting/ AWI
Gletscher fließen schneller und kalben häufiger

Luftaufnahme eines kalbenden Gletschers mit Gesteinseinschlüssen im Norden Grönlands im Sommer 2016. Foto Esther Horvath/ AWI
Bekannt ist, dass einige Gletscher im Zuge des Klimawandels schneller fließen und mehr kalben – zum Beispiel die Auslassgletsches des NEGIS (Northeast Greenland Ice Stream), 79°N-Fjord-Gletscher und Zachariæ Isstrøm. Dass tatsächlich mehr Gletscher unterwegs sind, ließ sich anhand der Logbücher der Polarstern nachweisen. Denn auf dem Schiff wurde nicht nur das jeweilige Wetter festgehalten, sondern auch Eisbergsichtungen. Die Polarstern ist seit mehr als vier Jahrzehnten in der Arktis unterwegs. Die Analyse zeigte, dass tatsächlich seit den frühen 2000er Jahren mehr Eisberge unterwegs waren.
Eisberge aus Nordost-Grönland und aus der russischen Arktis

Eisberg, beobachtet von der Polarstern aus am 10-08-2022 nahe 71.21°N und 25.26° W. Foto Christian R. Rohleder/ AWI
Die Eisberge und ihre Stein-Fracht kommen dabei nicht nur aus Nordost-Grönland, sondern auch aus der russischen Arktis – von Franz-Josef-Land, Sewernaja Semlja und aus der Taimyr-Region, wie sich unter anderem durch Satellitendaten nachweisen ließ.
Im AWI-Hausgarten haben die Steine bereits deutliche Spuren hinterlassen: „Mit jedem neuen Stein entsteht am Meeresboden ein fester Siedlungsplatz. Dort können sich Schwämme, Anemonen und andere Tiere, die Hartsubstrate bevorzugen, niederlassen“, so Kirstin Meyer-Kaiser laut AWI-Pressemitteilung. Und Thomas Krumpen weist darauf hin, dass die zunehmende Eisbergpräsenz erhebliche Risiken berge, zum Beispiel für die immer häufigeren Kreuzfahrtschiffe, bei der Öl-und Gasausbeutung oder auch für Fischer, die bei schmelzendem Meereis in den Norden vordringen.
Der Nature-Artikel: Amplified Arctic iceberg traffic reshapes benthic biodiversity
Frühere Artikel zum Thema:
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- Nordost-Grönland: Abfluss aus Eisstrom bisher massiv unterschätzt
- Phänomen Eisstrom: Russische Wawilow-Eiskappe überrascht Forscher
